Ein Teil von mir will..., ein anderer nicht: Arbeit mit inneren Anteilen

Es ist kurz nach neun, als Miriam die Wohnungstür hinter sich schließt. Zwölf Stunden Schicht auf der Station. Ihre Füße tun weh, ihr Rücken auch. Sie lässt sich aufs Sofa fallen und denkt: Ich will einfach nur liegen. Nichts mehr machen. Nur kurz.
Und fast im selben Moment ist da eine andere Stimme, streng und vertraut: „Die Wäsche liegt noch rum. Und du wolltest deiner Schwester zurückrufen. Reiß dich zusammen.“
Miriam bleibt sitzen. Ein Teil von ihr will sich ausruhen, ein anderer treibt sie an. Sie fühlt sich hin- und hergerissen, und am Ende macht sie keins von beidem richtig.
Miriam ist ein ausgedachtes Beispiel, so wie Lena und Peter aus den anderen Artikeln. Vielleicht kennst du dieses innere Hin und Her auch.
Viele Seiten in einem Menschen
„Ein Teil von mir möchte …, aber ein anderer …“ So sprechen wir oft ganz selbstverständlich. Vielleicht, weil wir spüren, dass in uns verschiedene Seiten zu Hause sind. Eine, die vorsichtig ist. Eine, die neugierig ist. Eine, die antreibt, und eine, die müde ist.
Diese Seiten gehören zu uns. Oft fallen sie kaum auf. Deutlicher spürbar werden sie meist dann, wenn sie in verschiedene Richtungen ziehen, so wie bei Miriam auf dem Sofa.
Jede Seite hat eine Geschichte
Viele dieser Seiten sind in bestimmten Lebensphasen entstanden, oft, weil sie damals hilfreich waren.
Miriams strenge Seite kennt sie schon lange. Als Älteste von drei Geschwistern hat sie früh Verantwortung übernommen. Wer funktioniert, macht keinen Ärger. Wer sich zusammenreißt, wird geliebt. Vielleicht hat ihr diese Seite damals geholfen, eine schwierige Zeit zu überstehen. Und vielleicht will sie Miriam auch heute noch schützen, selbst wenn das, was damals geholfen hat, heute nicht mehr ganz zu ihrem Leben passt.
Und die müde Seite? Sie ist möglicherweise diejenige, die schon lange zu kurz gekommen ist.
In der Arbeit mit Anteilen geht es nicht darum, eine Seite loszuwerden. Sondern darum, neugierig zu werden: Was möchte diese Seite für mich? Wovor will sie mich bewahren?
Wie die Arbeit mit Anteilen aussehen kann
Wie die Arbeit mit Anteilen aussieht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Ein Ansatz, der damit arbeitet, ist zum Beispiel die Ego-State-Arbeit.
Oft beginnt es damit, eine Seite erst einmal bewusst wahrzunehmen. Wie zeigt sie sich? Wo im Körper ist sie spürbar? Wann meldet sie sich? Und was möchte sie eigentlich für dich? Manchmal hilft es, ihr einen Namen zu geben oder sie sich als Figur vorzustellen, um sie besser kennenzulernen.
Dabei geht es nicht darum, wer recht hat. Jede Seite darf gehört werden.
Warum Verbindung eine Rolle spielt
Manche Menschen erleben es als anstrengend, wenn ihre Seiten gegeneinander arbeiten. Sie fühlen sich hin- und hergerissen, reagieren anders, als sie eigentlich möchten, oder verstehen sich selbst nicht.
In der Arbeit mit Anteilen geht es deshalb auch darum, dass die verschiedenen Seiten miteinander in Kontakt kommen dürfen. Dass sie wahrgenommen und verstanden werden, statt sich gegenseitig zu übertönen. Wie und ich welchen Tempo sich das entwickelt, ist bei jedem Menschen anders.
Nach sehr belastenden Erfahrungen kann es sein, dass Anteile stärker voneinander getrennt sind. Das ist ein eigenes Thema, über das ich in einem späteren Artikel schreiben werde.
Vielleicht magst du es ausprobieren
Wenn du das nächste Mal innerlich hin- und hergerissen bist, halte einen Moment inne. Vielleicht magst du dich fragen:
- Welche Seiten melden sich gerade in mir?
- Wie fühlen sie sich an? Streng, weich, ängstlich, müde?
- Was möchte jede dieser Seiten für mich?
Du musst nichts entscheiden und nichts lösen. Es reicht erstmal, die verschiedenen Seiten einmal wahrzunehmen.
Und Miriam?
An einem Tag sitzt Miriam wieder auf dem Sofa. Die strenge Seite meldet sich, wie so oft. Diesmal fällt Miriam auf, wie vertraut sie klingt. Fast wie eine alte Bekannte. Mehr passiert an diesem Abend nicht. Aber Miriam hat sie bemerkt.
Wenn du dich in Miriam wiedererkennst und mehr über deine eigenen Seiten erfahren möchtest, können wir in der Therapie gemeinsam hinschauen. Hier kannst du ein kostenloses Kennenlernen vereinbaren.