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Warum fühlst du, was längst vorbei ist? Trauma mehr verstehen

Warum fühlst du, was längst vorbei ist? Trauma mehr verstehen

Es ist Abend. Lena sitzt auf dem Sofa, das Handy in der Hand. Eigentlich war der Tag ganz normal, bis ihre Chefin in der Besprechung laut wurde. Nicht einmal zu ihr. Aber in ihr ist etwas passiert. Ihr Herz hat gerast, ihr Kopf war leer, und sie hat sich plötzlich ganz klein gefühlt. Jetzt schämt sie sich ein bisschen und denkt: „Ich bin einfach zu empfindlich.“

Peter, vor vielen Jahren hatte er einen schweren Unfall auf der Autobahn. Er hat überlebt, ist wieder gesund geworden und hat nie viel darüber gesprochen. Aber nachts fährt er nicht mehr. Wenn hinter ihm jemand scharf bremst, krampfen seine Hände ums Lenkrad. Er schläft schlecht, und seine Frau sagt manchmal: „Du bist so dünnhäutig.“

Lena und Peter sind ausgedachte Beispiele. Ihre Geschichten sind sehr verschieden, und deine ist vielleicht noch einmal ganz anders. Nicht jede starke Reaktion hat mit einem Trauma zu tun. Aber vielleicht erkennst du dich in dem einen oder anderen wieder.

Und das Wichtigste gleich am Anfang: Mit dir ist nichts falsch.

Was ist Trauma?

Trauma wird als eine seelische Wunde bezeichnet und kann entstehen, wenn etwas zu viel war, zu plötzlich, zu bedrohlich, zu lang und dein Bewältigungsmechanismus diese Ereignis oder länger andauernde Erfahrung nicht bewältigen oder verarbeiten konnte.

Ich stelle mir das gern wie eine Alarmanlage vor. Jeder Mensch hat eine. Sie springt an, wenn Gefahr droht, und sorgt dafür, dass wir überleben. Nach einer überwältigenden Erfahrung bleibt diese Alarmanlage manchmal besonders wachsam. Sie springt schneller an, lauter, und manchmal auch dann, wenn eigentlich gar keine Gefahr mehr da ist.

Was das mit Lena und Peter macht

Lenas Kopf weiß: Das ist nur eine Chefin mit schlechter Laune. Peters Kopf weiß: Der Unfall ist Jahrzehnte her. Aber ihr Körper weiß es noch nicht. Für ihn klingt die laute Stimme oder das Quietschen der Bremsen wie damals. Und damals war es gefährlich.

Darum reagieren sie so stark. Nicht, weil sie zu empfindlich sind. Sondern weil ein Teil von ihnen gelernt hat, sie zu schützen. Und dieser Teil hat noch nicht gemerkt, dass heute eine andere Zeit ist.

Bei manchen Menschen wird es in solchen Momenten laut im Inneren. Bei anderen wird es ganz still und leer. Beides kann eine Art sein, wie der Körper versucht, auf dich aufzupassen.

Begriffe, die dir begegnen könnten

Wenn du dich weiter mit dem Thema beschäftigst, stößt du vielleicht auf zwei Begriffe.

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), sie kann nach einem einzelnen, überwältigenden Erlebnis entstehen. Zum Beispiel nach einem Unfall. Vorher war vieles sicher, und dieses Erlebnis hat etwas erschüttert.

Die komplexe PTBS kann entstehen, wenn es nicht ein Moment war, sondern eine lange Zeit. Oft in der Kindheit, oft in der eigenen Familie. Dann geht es nicht nur um Erinnerungen. Es kann auch berühren, wie du dich selbst siehst und wie sich Nähe für dich anfühlt.

Peters Geschichte passt eher zum ersten Bild, wenn wir mehr über Lenas Geschichte erfahren vielleicht eher zum zweiten. Aber das sind nur Beispiele, keine Schubladen. Und dies dient dazu ein bisschen mehr ein Verständnis zu geben.

Warum fühlst du, was längst vorbei ist? Trauma mehr verstehen

Was du in Überforderung tun kannst

Du musst nicht alles auf einmal verstehen oder lösen. Manchmal sind es kleine Schritte, die etwas verändern.

  • Bemerken. Wenn der Alarm anspringt, sag dir innerlich: „Ah, da ist es wieder.“ Schon das schafft ein kleines bisschen Abstand.
  • Im Jetzt ankommen. Spür deine Füße auf dem Boden. Schau dich um und nimm drei Dinge wahr, die du siehst. Atme etwas länger aus, als du einatmest.
  • Freundlich bleiben. Statt „Ich bin zu empfindlich“ vielleicht: „Ein Teil von mir hat gerade Angst.“
  • Sicheres sammeln. Welche Menschen, Orte oder Dinge tun dir gut? Du darfst sie bewusst suchen.
  • Nicht allein bleiben. Vielleicht erzählst du einem Menschen, dem du vertraust, wie es dir geht.

Das löst nicht alles. Aber es kann dir helfen, dich in solchen Momenten ein bisschen weniger ausgeliefert zu fühlen.

Und Lena und Peter?

Lena legt das Handy weg. Sie weiß noch nicht genau, woher ihre Reaktion kommt. Aber sie weiß vielleicht ein bisschen mehr in sich "Ich bin nicht falsch". Beim nächsten Mal bemerkt sie den Moment vielleicht und spürt ihre Füße auf dem Boden.

Peter erzählt seiner Frau zum ersten Mal ein bisschen mehr von dem Unfall. Es fühlt sich ungewohnt, noch seltsam an und da ist auch ein Funken der Erleichterung. Jeder Weg sieht anders aus und die Schritte sind manchmal Kleine, die aber alle für sich zählen.

Wenn du merkst, dass dich solche Momente im Alltag stark belasten oder dass du dich oft allein damit fühlst, kann Unterstützung guttun.

Wenn du dich gerade in einer Krise befindest, kannst du dich auch telefonisch jederzeit an folgende wenden

Berliner Krisendienst Pankow 030 39063-40 Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222).

Zum Weiterlesen

  • Luise Reddemann & Cornelia Dehner-Rau: Trauma heilen. Ein Übungsbuch für Körper und Seele (TRIAS). Verständlich geschrieben, mit vielen Übungen zur Selbsthilfe.
  • Bessel van der Kolk: Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann(G.P. Probst). Ein Klassiker darüber, wie der Körper Erfahrungen speichert.
  • Peter A. Levine: Sprache ohne Worte. Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt(Kösel). Für alle, die den Körper stärker einbeziehen möchten.
  • Suzette Boon, Kathy Steele & Onno van der Hart: Traumabedingte Dissoziation bewältigen (Junfermann). Ein Arbeitsbuch, wenn du dich oft „neben dir“ fühlst, gut in Begleitung zu nutzen.

Bitte beachte das manchmal wenn du sowas liest auch Themen hochkommen können.

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