Traumasensible Therapie: Warum Ressourcen vor dem Schweren kommen

Auf Lenas Fensterbank stehen Pflanzen. Eine Monstera, ein paar Kräuter, ein kleiner Ableger, den ihr eine Kollegin geschenkt hat. Regelmäßig schaut Lena nach ihnen, gießt, dreht die Töpfe zum Licht, zupft ein welkes Blatt ab. Sie hat nie groß darüber nachgedacht. Es gehört einfach dazu.
Peter hat eine kleine Werkstatt in der Garage. Wenn er dort an einem alten Fahrrad schraubt, vergeht die Zeit, ohne dass er es merkt. Sein Kopf wird ruhig. Auch darüber hat er nie nachgedacht.
Beide würden nicht sagen, dass das etwas Besonderes ist. Und doch sind es genau solche Dinge, mit denen Therapie beginnen kann. Lena und Peter sind ausgedachte Beispiele. Vielleicht kennst du sie schon aus meinen anderen Artikeln.
Erst das, was trägt
Viele Menschen erwarten, dass es in der Therapie gleich um das Schwere geht. Um das, was belastet. um das, was passiert ist.
In der traumasensiblen Arbeit beginne ich meist an einer anderen Stelle: bei dem, was dich stärkt. Das nennt man Ressourcen. Gemeint ist alles, was dir Halt gibt, dich beruhigt oder dir Kraft schenkt. Das können Menschen sein, Orte, Tätigkeiten, Erinnerungen, Fähigkeiten oder ganz kleine Dinge wie eine Tasse Tee am Morgen.
Warum das so wichtig ist
Erinnerst du dich an das Toleranzfenster? Wenn wir über Belastendes sprechen, kann es passieren, dass wir aus diesem Fenster rutschen, nach oben in Anspannung oder nach unten ins Abschalten.
Ressourcen helfen, das Fenster ein Stück weiter zu machen. Sie sind wie ein sicherer Boden unter den Füßen. Je fester dieser Boden ist, desto angenehmer können später auch schwierige Themen angeschaut werden, ohne darin unterzugehen.
Darum spricht man in der Traumatherapie oft von Phasen. Am Anfang steht meist die Stabilisierung: Sicherheit und Halt aufbauen. Erst danach geht es darum, Belastendes zu verarbeiten.
Diese Phasen sind eine Orientierung, kein starrer Plan. Es kann sein, dass sich schwere Themen schon früher melden, ohne dass wir sie gesucht haben. Ein Bild, eine Erinnerung, ein Gefühl im Körper. Das ist verständlich. Was lange getragen wurde, zeigt sich manchmal dann, wenn ein wenig Ruhe entsteht.
Wenn das geschieht, nehmen wir es wahr und würdigen es, ohne es vertiefen zu müssen. Du bestimmst, wie nah du etwas kommen lassen möchtest. Und wir achten gemeinsam darauf, dass neben dem Schweren auch das Platz hat, was dich stärkt.
Ressourcen finden
Das klingt vielleicht leicht. Ist es aber nicht immer. Wenn man lange angespannt war oder viel aushalten musste, rücken die guten Dinge manchmal in den Hintergrund und dir fällt auf die Frage „Was tut dir gut?“ erst einmal gar nichts ein. Das ist normal und kein Zeichen, dass etwas fehlt.
Lena geht es so. Auf die Frage, was ihr guttut, zuckt sie mit den Schultern. „Weiß nicht. Nichts Besonderes.“ Also fragen wir anders: Wie hat dein Morgen heute angefangen? Lena überlegt kurz. Kaffee. Und dann, fast beiläufig: „Ich hab nach meinen Pflanzen geschaut. Die Monstera hat ein neues Blatt.“ Ihre Stimme wird dabei etwas weicher. Ich frage sie, was sie wahrnimmt, während sie davon erzählt. Lena wird still und spürt nach. „Ich weiß nicht genau … vielleicht ist es im Bauch ein bisschen ruhiger.
Kurz innehalten
Vielleicht magst du hier kurz innehalten. Gibt es in deinem Tag einen Moment, der sich ein bisschen leichter anfühlt? Wenn dir einer einfällt, bleib kurz dabei und spür nach, was sich im Körper tut. Und wenn nicht, ist das in Ordnung. Oft zeigt sich das Gute später, ganz nebenbei.
Ressourcen wahrnehmen
Wenn wir Ressourcen gefunden haben, kann es schön sein, sie nicht nur zu kennen, sondern auch ein wenig zu spüren.
Für manche Menschen ist das Spüren nicht selbstverständlich. Vielleicht war es früher hilfreich, nicht so genau hinzufühlen. Das hatte seinen guten Grund. Darum kann es helfen mit etwas Einfachem zu beginnen, das von außen kommt: ein Geruch, den du magst, das Licht im Raum, etwas Angenehmes in deinen Händen. Ein kurzer Moment reicht. Du bestimmst, wie viel davon sich gerade gut anfühlt.
Peter steht eines Abends in seiner Garage. Das Radio läuft leise, es riecht nach Holz und ein bisschen nach Öl. Er dreht an einer Schraube, und irgendwann merkt er, dass er eine Melodie mitsummt. Er hält kurz inne und lächelt. So entspannt hat er sich lange nicht mehr erlebt.
Solche kleinen Momente zählen. Sie zeigen, dass das Gute schon da ist, manchmal ganz unauffällig, mitten im Alltag.
Peter und Lena
Lena gießt morgens ihre Pflanzen, und manchmal bleibt sie dabei einen Moment länger stehen. Sie spürt die feuchte Erde an den Fingern, riecht das Basilikum. An manchen Tagen ist sie ganz da. An anderen ist sie mit den Gedanken schon woanders. Aber sie probiert es weiter.
Peter geht jetzt öfter in die Garage, auch wenn nichts zu reparieren ist. Seiner Frau sagt er: „Ich geh mal kurz runterfahren.“ Sie lächelt, denn sie weiß, was er meint.
Wenn du merkst, dass dir der Zugang zu dem, was dich trägt, gerade schwerfällt, darfst du dir Unterstützung holen. In der Therapie können wir gemeinsam schauen, was dich stärkt, behutsam und in deinem Tempo. Hier kannst du ein kostenloses Kennenlernen vereinbaren.
Wenn du dich gerade in einer Krise befindest, findest du hier Hilfe in Krisen, oder du wendest dich direkt an: Berliner Krisendienst Pankow 030 39063-40 · Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222